Familie Wallach

Residenzstraße 4
Trachtenhaus Wallach

 

Ich werfe mal den folgenden Satz in die Runde: “Gerade in München ist die Tracht ein fester Bestandteil eines waschechten Münchners bzw. der Münchnerin.“ Wer stimmt dem zu?

 

Viele in der Nachkriegszeit zugezogene jüdische Familien sehen in dieser Mode ein Zeichen für die Verfolgung der Juden, wahrscheinlich weil diese gerade zur NS-Zeit an Popularität massiv gewinnt und man “die Deutschen” damit identifiziert hat. Vor allem jene Juden, die vor dem Krieg in Osteuropa beheimatet waren, setzen das Dirndl mit „Nazis“ gleich. Diese Einstellung ändert sich seit einigen Jahren, und so tragen  mittlerweile wieder häufiger Jüdinnen und Juden zumindest beim Oktoberfest Dirndl und Lederhose.

 

Dass diese Mode aber von einer jüdischen Familie - den Brüdern Julius und Moritz Wallach - ab etwa 1900 salonfähig gemacht wird, ist nur den Wenigsten bekannt. Die aus Bielefeld zugezogenen Wallach-Brüder gründen am 9. November 1900 das „Fachgeschäft für Landestrachten“ in der Lindwurmstraße. Julius ist ein leidenschaftlicher Trachtler und Mitglied des Alpenvereins. Sie lassen jenes berühmte erste Seidendirndl schneidern, das eine preußische Prinzessin auf einem Ball in Paris trägt und damit großes Aufsehen erregt. Tracht wird von Städtern zuvor nur in der Sommerfrische auf dem Land getragen. Die Wallachs werden DAS führende Haus für Trachtenmode, auch international. Sie produzieren  nicht nur Mode, sondern auch Stoffe und verkaufen sie an französische Modeschöpfer, nach England, Holland und New York. Ab 1910 zieht das Modehaus Wallach in die Residenzstraße/Ecke Perusastraße, dann in die renommierte Adresse Residenzstraße 3 um. Zur Kundschaft gehören neben dem Hochadel und Großindustriellen auch viele normale Münchnerinnen und Münchner, darunter auch Juden. Für das Jubliäums-Oktoberfest 1910 statten sie die Mitglieder des Festzugs unentgeltlich mit Trachten aus. Sie werden zu Königlichen Hoflieferanten ernannt und eröffnen am 9. November 1920 ein Museum, das Volkskunsthaus in der Ludwigstraße.

 

Die Machtübernahme durch die NSDAP macht sich für die Firma Wallach zunächst nicht negativ bemerkbar, passt die Mode doch „zur Kostümierung der nationalsozialistischen Heimatidee“, wie die Jüdische Allgemeine es nennt. Die Inhaber sind jedoch antisemitischen Angriffen ausgesetzt. Sie müssen z. B. ihre Schaufenster bei NS-Veranstaltungen verhüllen. Am 9. November 1938 wird der Privatbesitz der Familie geraubt. 1939 wird das Geschäft „arisiert“, wie die Nationalsozialisten die zwangsweise Übertragung der Firmen von Juden an Nichtjuden nennen. Es muss für einen Spottpreis an den Parteigenossen und gescheiterten Kunsthändler Otto Witte verkauft werden. Einige Familienangehörige der Wallachs können sich in die Emigration retten, andere werden Opfer der Schoah. Erst 1949 erhält die Familie nach langem Ringen ihren Besitz zurück. Die Wallachs setzen einen Geschäftsführer ein und bleiben in den USA. Ende der 1990er Jahre verkaufen sie die Firma an das Unternehmen Lodenfrey, das es bis 2004 unter dem Namen Wallach betreibt.

 

Was viele nicht wissen: Das heutige, tief ausgeschnittene Dirndl mit kurzer Bluse und straffem Mieder geht auf die NS-Zeit zurück, in der es durch die „Reichsbeauftragte für Trachtenarbeit“ neu kreiert und ideologisch aufgeladen wird. Moritz und Julius Wallach hingegen haben sich mit ihrer Trachtenmode immer an den ursprünglichen Trachten orientiert, die sie sammelten und von denen sie wesentliche traditionelle Elemente beibehielten.

Grischa Judanin